Prostitution und Arbeit
Charma Chamäleon oder nieder brennt die BVG
AUFSTAND
J’accuse!
- freie Presse aka Frankreich brennt
Finnland
Immer
diese Rechnungen
PISA
oder mehr Unfälle für Detschland
Yaneq in Kamerun
Prostitution und Arbeit
Ein Versuch in 4 Akten
Akt 1: Die Idee
„Was? Fünfzig Mark für eine Stunde? Soviel kriegst du dafür?“
„Ja, aber du musst für zwei Stunden da bleiben!“, wandte Sandra ein.
„Das sind ja 100 Mark! Das ist doch Hammer!“, ich konnte mich kaum halten. Soviel Geld hatte ich in so kurzer Zeit noch nicht verdient. „Will ich auch!“
„Ich könnt das nicht.“
„Wieso denn nicht? Was soll daran so schwer sein?“
„Naja, ich weiß nicht,“ Robert guckte gequält zu Sandra. Dann sagte er doch: „Das ist doch auch ein bisschen Prostitution.“
Sandra ließ das kommentarlos zu, aber ich erregte mich: „Was heißt hier Prostitution? Jede Arbeit ist Prostitution! Ob ich nun hier Bier zapfe und nett bin zu den Leuten oder ob ich das mache: Wo ist da der Unterschied, bitte?“
Robert hob zweifelnd die Braue: „Naja, ist doch schon nen Unterschied, ob du nun am Band stehst oder ob du die Beine breit machst!“
„Na, aber nur was die Intimität angeht. Ansonsten setzt du in jedem Fall deinen Körper ein, um Geld zu kriegen. Man: Kapitalismus, Alter! Jede Arbeit ist Prostitution. Und hier du musst ja nicht mal die Beine breit machen.“
„Und prostituierst du dich jetzt gerade auch?“ fragte Robert schlau.
„Naja, ich bediene und bin nett zu den Leuten. Hat schon was davon, klar!“
Robert guckte komisch.
„Ich sag dir was der Unterschied ist: Hier verdien ich 10 Mark plus ein mickriges Trinkgeld dafür, dass ich jeden betrunkenen Arsch betrunkener mach und da krieg ich 50 Ocken die Stunde und muss nichts machen.“
„Sind doch nicht nur Arschlöcher hier!“, protestierte Robert, aber ich war so erregt, dass ich gar nicht den beleidigten Unterton raushörte.
„Darum geht’s doch gar nicht! Es ist leicht verdientes Geld!“
„Na, so leicht ist es nun auch wieder nicht,“ forderte Sandra ein wenig mehr Anerkennung ihrer Tätigkeit ein.
„Türlich, Türlich.“
„Ja, aber ist schon krass. Ich weiß nicht ob ich das könnte,“ überlegte Robert laut, doch ich war nicht mehr zu halten:
„Hundert Mark in zwei Stunden! Das ist geil. Ey, Sandra, wenn die mal wieder wen brauchen, dann bitte sag bescheid.“
„Meinst du ehrlich?“
„Jaja, auf jeden! Sag bescheid, das ist doch cool,“ und die Euphorie, die mir aufgrund des vermeintlich leicht verdienten Geldes aus dem Augen spritze, ließ den Rest des Tisches seine Bedenken für sich behalten. Ich hingegen freute mich, fasziniert von der abstrakten Vorstellung es Sandra gleichzutun und in der Zeichnen- und Malklasse der Göttinger Volkshochschule Akt zu liegen. Zwei Stunden für hundert Mark, das schien mir die Sache allemal Wert. Eventuelle, mich hindernde Komplexe dachte ich nicht wirklich mit und wenn, dann wären die wohl nach dieser elektrisierenden Radikalerfahrung im Bereich meiner Vergangenheit zu finden gewesen.
Akt 2: Die Theorie
Arbeit, Arbeit, alles redet immer nur von Arbeit. Kampf um die Arbeit, Arbeitszeitverkürzung, Arbeitverknappung, Arbeitsplätzeexport, Arbeit macht frei, Beziehungs- und Trauerarbeit, Arbeit an sich selbst und auch der Bonvivant, der glaubt überhaupt nichts mit all dem Arbeitswahn zu tun zu haben, entkommt dem Wörtchen nicht, denn ihn rechnet man ungefragt mit in die Arbeitslosenzahlen ein. Die Arbeit, das ist klar, sie ist total und prägt jeden von uns.
Zuerst feiern die Menschen jahrhundertelang den Fortschritt, weil er ihnen Maschinen beschert, die ihnen die Arbeit abnehmen, dann, wenn alles maschinisiert ist, klagen sie, dass ihnen die Arbeit abhanden gekommen ist und ihre Politiker führen ein um den anderen Wahlkampf um die Arbeit zu retten – eine lustige Vorstellung, ganz als wäre die Arbeit sowas wie die sinkende Titanic, die vor dem Untergang zu bewahren sei und nicht bloß, der inzwischen nutzlose Schlüssel der Verteilung, in einem auf Geld beruhenden, kapitalistischen System. Nutzlos, weil die einen nicht mehr Arbeiten dürfen und die anderen, die man früher die Arbeitgeber nannte - also die Besitzer der Produktionsmittel, nämlich der ganzen Maschinen, die jetzt die Arbeit selber machen - weiterhin ihr Geld machen, nur die Arbeits- und Maschinenlosen eben nicht. Blöd gelaufen, könnt man sagen, aber das kann man natürlich auch anders sehen.
Gucken wir doch mal genauer hin. Man kann sich das Phänomen Arbeit von zwei Seiten ansehen. Die eine, die idealistische Sicht, das ist Marxens und heißt: Der Mensch verwirklicht sich in seiner Arbeit, tut also was produktives, kreatives und ist am Ende des Tages stolz auf sich und sein Schaffen, ergo glücklich und zufrieden. Die zweite ist die materialistische Betrachtung der Dinge und lässt sich in der praktischen Nutzanwendung beschreiben: Der Mensch arbeitet, um Geld zu verdienen und seine Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Auch ein komisches Wort, übrigens, so als würde man nicht leben oder wär am Leben sondern hielte sich ein Leben, ganz so wie man sich einen Hund oder ein Auto hält, was eben Kosten verursacht. Aber lassen wir das.
Zwischen diesen beiden Polen der Arbeit wandernd also, zwischen dem Bedürfnis mannigfache Erfahrung sammeln zu wollen und mit der geleisteten Arbeit menschlich zu wachsen, nichts auszulassen, um sich auf dem Weg selbst zu verwirklichen einerseits und dem profanen Wunsch nach Geld und materieller Reproduktion andererseits, zwischen diesen zwei Motiven hab ich schon so manchen Job erledigt. Ich verdingte mich als Zeitungsjunge, Barmann, Lagerarbeiter im Leergutbereich eines Biogroßhandels, Journalist, Veranstalter, Stagehand, Promoschwätzer in Einkaufszentren für einen Mobilfunkanbieter, Callcenter Mitarbeiter eines führenden deutschen Meinungsforschungsinstituts, Tourmanager, Hausmeister, Drogenkurier, Schneeschipper, Lagerarbeiter eines Möbelhändlers, Buchautor, Musiker, Promozettelschreiber, Übersetzer, Mitarbeiter eines Campingplatzes auf Naxos – ich war derjenige, der die mit der Fähre neuankommenden Touristen zu unserem Zeltplatz schnackt, ein Job, den ich mit solcher Bravour erledigte, dass meine Kollegen, die für die anderen Etablissements arbeiteten mich bald ins Hafenbecken schmeißen wollten - , Chauffeur und sonst was noch und der einzige Grund, warum ich nicht als menschliches Versuchkaninchen – auch Proband genannt – mein Geld verdiente, war der, dass es mir nie rechtzeitig gelang vor der obligatorischen Blutanalyse das Kiffen einzustellen.
Zwei Wochen nachdem mir Sandra von ihrem Job als Aktmodell der Volkshochschule erzählt hatte und ich mich, was das Nacheifern betrifft vor Zeugen dazu hinreißen ließ mich derart aus dem Fenster zu lehnen („Auf jeden mach ich das!“), klingelte das Telefon: „Hi, Jan, Sandra hier.“
„Hey, Sandra! Wie geht’s?“
„Ganz gut, danke. Du hör mal: Willste das noch machen?“
Ich hatte es schon fast vergessen: „Was machen?“
„Na, Akt liegen,“ sagte Sandra und mir schoss das Blut in den Kopf.
„Öh,“ Pause: „Ja. Öh, klar.“ Pause. „Wann denn?“
„Morgen, vierzehn ...“
„MORGEN?“
„Ja, kannst du da etwa nicht?“
Kann ich da nicht? Kann ich da nicht? Kann ich da etwa nicht? Eins meiner Motti war immer für die große Klappe einzustehen, den Worten quasi Taten folgen zu lassen. Mein Entscheidungsraum war denkbar knapp.
„Jan, kannst du da nicht?“
„Doch klar, kann ich! Normal. Vierzehn Uhr, ja?“
Akt 3: Die Geschichte:
Um dreizehn Uhr rief ich Sandra an.
Ich hatte mir bis dahin ein paar ernsthafte Gedanken über meinen neuen Job gemacht. Konnte ich mich wirklich vor einer Klasse Malschüler ausziehen? Und wer waren diese Leute überhaupt? Was für Leute besuchen die Volkshochschule? Werden auch Frauen da sein? Was ist, wenn ich die Pose nicht halten kann oder - noch viel schlimmer - beim Aktmodeln einen Ständer krieg? Ehrlich gesagt war gerade dieser Gedanke meine größte Furcht.
„Du, Sandra. Mir ist was wichtiges dazwischen gekommen. Können wir das verschieben? Ach, du hast schon für mich zugesagt. Natürlich, ja, ich weiß, dass das in einer Stunde ist. Nein, kannst du auch nicht einspringen. Ja, nee, äöh, dann muss ich das andere verschieben. Das ist blöd, ja. Nee, kein Ding. Doch schon. Nee, nee. Nee bin schon unterwegs. Cool. Also ... ja. Mhmm. Und danke noch mal.“
Die Aufregung war kaum mehr auszuhalten. Hitzewellen durchfuhren meinen Körper und die Muskulatur spannte immer wieder bis zu der Grenze an, wo man nicht mehr unterscheiden kann, ob das Zittern aus den nervösen Muskeln kommt oder ob es wirklich so kalt ist, dass man friert. Es war nicht kalt. Es war Sommer und sehr heiß. Aber mein Schweiß war kalt.
Zu Fuß ging ich durch den Park zur Volkshochschule und versuchte mich zu beruhigen. Hey, das ist Kunst! Malerei ist Kunst und FKK ist sozialistisch! Ist doch nichts bei. Voll normal. Aber, was wenn ich ne Latte krieg? OK, gar nicht dran denken. Cool bleiben. Ich bin nicht cool. Atmen. Ruhig atmen, noch mal eine rauchen und cool werden. Noch mal ziehen und, ach, was soll’s: Rein und durch. Was bist du nur fürn Lappen!
Ich machte mich gerade und betrat das Gebäude, fand meinen Weg, ging in die Klasse und falle beinahe rückwärts wieder raus. In dem Klassenzimmer stehen hinter zwölf Staffeleien zwölf Frauen und alle über Vierzig. Kein Mann. Kein Mädchen. Erwachsene Frauen in den Wechseljahren auf Selbstverwirklichungstrip, die unter Anleitung aquarellmalend ihre künstlerische Seite wiederfinden, die, die sie ja damals für ihren Mann und die Kinder geopfert haben. Sie haben ja nie an sich selbst gedacht, wie das die Männer immer gemacht hatten. Sie haben immer alles gegeben, dem Mann, den Kindern, sogar dem Hund, aber jetzt, wo die Kinder das Haus verlassen haben und der Mann auch, wo all die Opfer nicht honoriert wurden, jetzt endlich würden sie was für sich tun. Sie würden wieder malen, sich wieder als kompletter Mensch fühlen. Sie würden schaffen, nicht gebären. Sie würden künstlerisch sein. Und sie würden Akt malen, ja, verdammt!
Genauer: Sie würden mich als Akt malen. Mich! Als Akt! Oh, mein Gott. Warum hatte mir niemand vorher gesagt, welche Klientel die Kunstkurse mitteldeutscher Volkshochschulen besucht? Ich saß in der Falle. Die Lehrerin schloss die Tür. Es gab kein Entkommen mehr.
„Und deine Kleider kannst du da hinter der spanischen Wand ablegen,“ sagte sie noch kühl und dann ging es los.
Zum Glück durfte ich liegen und musste nicht wie Adonis stehen, den Arm zum Diskuswurf erhoben oder so. Aber auch das Liegen kennt seine Tücken. Nach zwanzig Minuten, welche ich auf die in Styroporquadraten geordnete Decke gestarrt hatte, fiel mir beim besten Willen nichts mehr ein, woran ich denken konnte und womit ich mich hätte beschäftigen können. Das Blut läuft dir in den Hinterkopf und bildet da Schwämme. Langeweile tötet! Die Frauen um mich rum waren der noch lebende Beweis dafür. Ihr langweiliges Leben hatte sie zu Pinsel schwingenden Zombies mutieren lassen, die nun kühlen Auges meinen Körper vermaßen und ihn zu Papier brachten. Ihre Lippen waren schmal und keine von ihnen lächelte jemals.
Als ich mir nach einer Stunde kurz die Beine vertreten durfte und mir rauchend die Werke der welken Damen anguckte, fiel mir vor allem auf, dass sämtliche Künstlerinnen mein Geschlecht ausgespart hatten. Ich will hier nicht mit dessen Größe protzen, aber es ist durchaus nicht zu übersehen, vor allem wenn ich nackt vor wem liege und derjenige mich eine Stunde lang mustern darf. Die einen beschränkten sich elegant auf den Oberkörper und die Tattoos, die anderen wagten verwegen die Gegend meines Schritts zu verwischen. Das sah dann so modern aus, irgendwie.
Nach zwei Stunden war die Qual vorbei. Keine der Künstlerinnen schien daran interessiert, dass sich das Modell die Werke anguckte, geschweige denn an dessen Meinung. Alle von ihnen mieden mich irgendwie und das hatte was überhebliches. Ich hatte mich vor ihnen ausgezogen. Für zwei Stunden. Gegen Geld. Sie hatten sich für zwanzig Jahre hergegeben doch waren nicht wirklich in Geld entlohnt worden. Vielleicht verachteten sie mich ja deswegen, weil sie der prostituierende Charakter meiner Tätigkeit and die eigene Prostitution als Ehefrau ohne eigenes Einkommen erinnerte. Ich weiß es nicht. Vielleicht hatte sie ja auch nur meine Jugend eingeschüchtert, die guten Frauen mit den schmalen Lippen.
Akt 4: Der Schluss
Ich auf jeden Fall kaufte mir von meinem Lohn ein paar Schallplatten und legte den Rest in Getränken an. Die ließ ich mir bringen und erzählte allen am Tresen von meiner neuen Erfahrung. Nicht wirklich Selbstverwirklichung, wie Marx es gedacht hatte - der Teil kam wohl eher den Malerinnen zu - aber irgendwie Selbsterfahrung. Und mein Geld hab ich danach wieder anders verdient.
Ist ja alles Prostitution, irgendwie.
Charma Chameleon oder Nieder brennt die BVG 
„Nee, Nee, Nee – Nieder brennt die BVG! Wir sind hier oben noch ganz dicht. Der Scheiß ist zu teuer, von mir kriegste nischt!“, singt es in meinem Kopf, wie ich so vorm Fahrkartenautomaten stehe. Und wie ich so dastehe, meldet sich der Sozialdemokrat in mir mit folgender Bemerkung bei meinem inneren Anarchisten: „Ja, wenn das so ist, warum stehst du denn dann vorm Automaten. Jetzt kauf doch wenigsten ein Kurzstreckenticket, das mindert das Risiko beim Schwarzfahren erwischt zu werden!“ „Also gut,“ sagt der Anarchist trotzig, „aber ich werde es nicht abstempeln!“, was der Sozi wiederum mit einem beleidigt schmollenden „Mach doch was du willst!“ quittiert.
Gesagt, getan. Mit einem vermeintlich gesunden Kompromiss meiner zwei Extrempole als Gepäck, besteigen also ich und der nicht abgestempelte Beförderungsnachweis die U-Bahn und kurz darauf die Tram gen Prenzelberg. Doch wie heißt es? In Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod und so nimmt es auch nicht Wunder, dass bereits nach vier Stationen die schneidende Ansage: „Guten Tag, Fahrausweiskontrolle. Bitte halten Sie Ihre Tickets bereit.“ ertönt.
Verdammt. Allein dieser Spruch lässt dir das Blut in den Adern gefrieren. Genauso wie die Ansage der Verkäufer von Obdachlosen Magazinen: „Guten Tag meine Damen und Herren.“ Schock. Blutsturz. „Bitte erschrecken Sie nicht, ich will nicht ihre Tickets kontrollieren. Ich verkaufe die neue Ausgabe der Motz,“ – Puh, Ausatmen - immer wieder sehr witzig ist. Mit der Ruhe ist es danach dahin und auch Lektüre dieses Wunderwerkes deutscher Zeitungsmacherei entschädigt kaum für den erlittenen Schreck.
Schwarzfahren, ich meine richtiges Schwarzfahren, ist eine Wissenschaft für sich. In letzter Zeit, nach unzähligen Experimenten und Verfeinerungen, zeige ich immer ein bereits abgelaufenes Ticket vor und halte es dem Schaffner so kurz vors Gesicht, dass er zwar nicht die gestempelte Uhrzeit lesen kann, aber doch lange genug, dass er mir vertraut, ihn nicht zu betrügen. Die können sich ja nun auch nicht jedes Ticket genau durchlesen, die Kontrolleure, bei den ganzen Tickets, die die den ganzen Tag über sehen müssen. Timing ist sehr wichtig. Nicht zu lange, nicht zu Kurz. Etwa drei Sekunden sind gut.
Ich habe natürlich auch andere Techniken ausprobiert. Von der Anfängerschule – vorne einsteigen, bei jedem Halt panisch auf den Bahnsteig gucken und sobald an drei Türen schlecht gekleidete Männer einsteigen, zügig aber unauffällig aussteigen - über einfaches Weglaufen – ein Freund der mich neulich von der Eberswalder Straße in Prenzlauerberg aus in Kreuzberg besuchen wollte, ist zum Beispiel Spezialist in dieser einfachen doch effizienten Methode sich der Kontrolle zu entziehen. Er lief, nach seinem Ticket gefragt, aus der Tram und um den Block, durch die Seitenstraßen bis zur nächsten Station, wo die Kontros gerade mit neuen Opfern ausstiegen. Also nahm mein Freund wieder die Beine unter die Arme und rannte bis zur nächsten Station. Als er da ankam, sah er seine Peiniger gerade in die neue Tram steigen. Und so ging es die ganze Strecke über nach dem Hase und Igel-Prinzip weiter; wann immer mein Freund der Hase an eine Haltestelle hoppelte, warteten da bereits die dicken, faulen Igel. 14 Stationen bis Warschauer Straße. Zumindest hat er mal ein bisschen Bewegung gekriegt. Das hat ihm bestimmt auch mal ganz gut getan, soviel wie der vor dem Computer sitzt. Andere Leute geben im Fitness-Studio Unsummen aus, damit sie sich auf ein Laufband stellen können und fahren dann mit ihrem Golf nach Hause zurück. Eigentlich hatte mein Freund also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Das wollte er bloß so nicht sehen, als er völlig außer Atem bei mir ankam.
Mit dem gleichen Freund habe ich übrigens einmal mein absolutes Glanzstück hingelegt, dass bislang Rekordhalter, in meiner Liste der Schwarzfahr-Abenteuer und Helden-Sagen ist. Damals stiegen wir am Rosenthaler Platz zur Rush Hour in die Tram 13. Der Zug war richtig voll, aber ich ergatterte mir einen Platz am Fenster, mein Freund, Jörn heißt er, saß zwei Reihen hinter mir. Wir hatten uns gerade was zu essen geholt, Hamburger um genau zu sein und waren nach einem stressigen Tag froh sitzen und essen zu können. Aber mit uns und sträflicher Weise von uns unbemerkt, waren ebenfalls zugestiegen, fünf Bedienstete der BVG. Damn! Also, in Anbetracht der Tatsache, dass ich gestresst war und gerade ein wenig Ruhe in Form eines Sitzplatzes und eines Burgers gefunden hatte, wollte ich weder laufen – was wäre aus dem Burger geworden? Wegschmeißen? – noch wollte ich mich mit den Schergen streiten. „Was also tun?“, rief mein innerer Lenin. Ich besann mich auf die Lektüre des Großmeisters der Camouflage: William S. Borroughs, der in Junkie oder so geschrieben hatte, man könne sich selbst für andere unsichtbar machen, indem man den anderen Leuten keinen Anlass gäbe, einen selbst zu bemerken. Leicht gesagt, aber Borroughs dachte nur daran, unbemerkt über einen Marktplatz in New Mexico zu laufen, indem man an nichts weiter denkt. Aber an was soll man nicht denken, wenn Kontrolleure der Berliner-Verkehrs-Gesellschaft durch die Tram schweifen, wie Haie durchs Karpfen-Becken? Arroganz hilft. Ich dachte an nichts als meinen Burger und blickte aus dem Fenster. Ich konzentrierte mich zu absoluter Ruhe. Und ungelogen, kontrollierte der Herr von der BVG die Leute in der Sitzreihe vor mir, meinen Nebenmann, sowie die Leute hinter mir. Nur mich nicht! „Jetzt bloß nicht freuen!“, dachte ich mir noch, konnte es mir aber nicht verkneifen, mich zu meinem Kumpel umzudrehen. Der hatte das alles gesehen und starrte mich mit großen Augen ungläubig an. Kaum waren die Kontros aus der Tram und hatten sich die Türen hinter ihnen geschlossen, jubelten wir voll triumphierender Freude.
Das also im Hinterkopf stelle ich mich nun auf eine neue Konfrontation ein. Es ist jedes mal ein neues Spiel und man fängt immer wieder bei Null an.
„Dit ist ja nicht abjestempelt,“ spricht der Hempel. Da hat er Recht.
Richtiges Schwarzfahren ist eine sehr spirituelle Angelegenheit, fast würde ich sagen esoterisch. Es gibt einfach gewisse Rituale deren Regeln man nicht brechen darf, wenn man nicht erwischt werden will und irgendeine muss ich verletzt haben Nur welche war es? „Das scheiß Kurzstreckenticket hättest du dir sparen können, du Pfosten!“, schimpft mich mein innerer Anarchist aus und: „Hättest du es doch abgestempelt!“, jammert der Sozi.
„Ja, tut mir leid,“ höre ich mich sagen. „Ich wollte es gerade abstempeln, aber dann kam die Tram so schnell ...“ , uuups, verdammt man! Die Stempeldinger sind in der Tram ja drinnen. Hat aber er zum Glück nicht gemerkt.
„Da müssen Sie jetzt trotzdem bitte mit aussteigen.“
Also schön. Ich steh auf und merke, wie sich sämtliche Augen der Leute auf mich heften. Ich ignoriere sie. Ich muss mich jetzt konzentrieren. Die Sache ist noch nicht verloren. Konzentration bitte. Der Kontrolleur geht raus, ich folge ihm. Er ist jünger als ich es bin und er siezt mich. Ich duze ihn deswegen. Ein bisschen Gefälle tut dem Verhandlungsverlauf mit deutschen Behördenmenschen immer gut.
„Haben Sie ihren Personalausweis dabei?“, fragt der Bursche höflich.
„Nein.“, lüge ich.
„Dann geben Sie mir bitte Ihre Adresse,“ fordert er.
„Nein,“ sag ich. „Die kriegst du nicht. Ich hab hier doch ein Kurzstreckenticket.“
„Dit is aber leider nicht abjestempelt,“ erwidert er völlig richtig. „Deswegen gilt es nicht als ordentlicher Beförderungsnachweis. Geben Sie mir bitte Ihre Adresse.“ Das war jetzt von ihm weder aggressiv noch wirklich fordernd, sondern eher hilflos formuliert. Er scheint meine Autorität anzuerkennen.
Also nachlegen: „Nein, die Adresse geb ich dir nicht. Kannst du denn nicht mal ein Auge zudrücken, ich stempel die Karte auch gleich ab, ich bin einfach total im Stress,“ versuche ich in nachdrücklichem Ton.
„Das kann ich leider nicht machen,“ sagt er. „Aber Sie haben die Möglichkeit nächste Woche gegen diesen Bescheid bei der BVG Widerspruch einzulegen. Dann zahlen Sie nicht das erhöhte Beförderungsentgeld von 40 Euro, sondern begleichen nur unseren Arbeitsaufwand mit 7 Euro.“
„Ich hab aber keine Zeit nächste Woche. Guck mal: Drück doch mal ein Auge zu. Das gibt auch Charma-Punkte!“, biete ich ihm an.
„Das kann ich nicht machen. Da vorne steht meine Chefin.“ Pause. Dann: „Was ist denn Charma?“
Das reicht. Wir drehen uns hier eindeutig im Kreis. Jetzt werde ich wirklich arrogant. „Dann ruf doch mal bitte deine Chefin ran!“, forder ich. Er gibt ihr ein Zeichen und eine Frau von vielleicht Anfang Vierzig und 1,65 Meter Größe kommt angelaufen.
„Frau Rudnitzky, wissen Sie wat Charma ist?“
„Ja, klar, das sind Pluspunkte im Himmel!“, kommt es nicht unsympathisch aus ihr heraus geschossen.
„Gucken Sie mal,“ sage ich in versöhnlichem Ton. „Ich habe hier ein Kurzstreckenticket. Das hab ich leider vergessen abzustempeln und wenn Sie jetzt ausnahmsweise ein Auge zudrücken, dann gibt es bestimmt Charma-Punkte für Sie!“ „Wo sind Sie denn zugestiegen?“, fragt Sie korrekt.
„Na, gerade eben, am SEZ;“ lüge ich.
„Na, gut,“ sagt die Chef-Kontrolleurin und mir fällt ein Stein vom Herzen. „Dann machen wir hier mal eine Ausnahme, aber Sie müssen das Ticket jetzt auch abstempeln.“ „Natürlich,“ sage ich in voller Brust.
Puh, Schwein gehabt. Die Kontros trollen sich, ich les noch mal kurz in dieses Fanzine und nach drei Minuten kommt die nächste Tram. Mein Kontrolleur geht an mir vorbei zur Tür, hebt die Faust zur Siegesgeste, so wie es Fußballer machen, wenn sie ein Tor geschossen haben und ruft: „Charma, Charma! Jetz weeß ick’s ooch!“
„Viel Glück damit!“, ruf ich ihm nach, steige in die Tram und stempel ordnungsgemäß mein Ticket ab.
Die Chef- Kontroleurin läuft an mir vorbei: „Und haben Sie es jetzt abgestempelt?“, fragt sie.
„Ja, natürlich!“, erwider ich.
„Na, dann haben Sie jetzt ja auch nen Pluspunkt!“
Da bin ich baff. So hatte ich das allerdings noch gar nicht gesehen.
!! AUFRUF !!
Ich rufe zum Aufstand auf: Ihr Gedemütigten, ihr Arbeitslosen, all jene mit geplatzten Träumen und Erwartungen, Hoffnungen und alle, die sich den gängigen Illusionen und Glücksversprechungen hingaben, welche die Gesellschaft zusammen halten und voran treiben. Voran – den Lemmingen gleich – dem Abgrund entgegen. Voran, Vorwärts, immer voran, ohne jemals nach dem Wieso zu fragen. Wieso der Fortschritt? Wieso jedes Jahr ein kleineres Handy, ein schnelleres Auto? Wieso eigentlich nicht, ist die letzte Antwort.
Ja, Voran oder Vorwärts, das war eine Versprechung: Menschenrecht, Maschinen, die uns die Arbeit abnehmen und eine Medizin, die den Krebs besiegt, nachdem die moderne Gesellschaft ihn schuf. Vorwärts, das war Losung nicht nur der Sozialdemokraten. Die so genannten Konservativen waren in ihrer Kapitalismusliebe dem technischen Fortschritt ebenso verschrieben. (Bloß dem sozialen leider nicht.) Und was ist geblieben von 400 Jahren Fortschritt, Forschung, Wissenschaft? Maschinen, die uns zwar die Arbeit abnehmen, aber uns vor den Fernseher treiben, weil nichts mehr zu tun bleibt und eine Medizin, die die Reichen schöner macht und ihre Nachkommen genetisch optimiert.
Ich rufe die Verarschten auf: Gesteht`s euch ein! Gesteht euch endlich ein, dass ihr die Verarschten seid. Meiner eins ist da etwas glücklicher, denn ich habe es schon immer gewusst: Dieses System ist scheiße! Nur wenn ich das meinen Lehrern in der Schule sagte, dann hieß es: Dieses System ist das Beste von den Schlechten, was schon mal ein recht schwaches Verkaufsargument ist, würd ich sagen. Man stelle sich einen Autokauf vor, bei dem der Verkäufer auf diese Weise sein Produkt anpreist. „Ja, ist richtig, dies ist kein gutes Auto, mein Freund, aber es ist das Beste von den Schlechten!“ Wer will denn bitte so ein Auto fahren? Da muss man schon sehr resignativ drauf sein oder von vornherein keine Ambitionen oder Fantasie besitzen. Nein, dieses System war das Beste unter den Schlechten, weil wir einen Sozialstaat hatten, in dem sich um Alle gekümmert wurde. Überhaupt seien alle Menschen gleich hieß es. Und jeder bekäme eine Chance! Aber nicht da stehen geblieben. Das Beste von den Schlechten half auch den Anderen, den Verfolgten, schon wegen der historischen Verantwortung, der man sich bewusst war. Stichwort Asylrecht. Und apropos historische Verantwortung: Von deutschem Boden dürfe nie wieder ein Krieg ausgehen hieß es.
Das ist natürlich alles Vergangenheit und es hat sich gezeigt, dass ein Sozialstaat nur solange Almosen vergibt, wie er sich die Großzügigkeit leisten kann und das auch ganz andere rationale Gründe für die Armenspeisung sprachen: zum Beispiel die Systemopposition zu den Arbeiter- und Bauernstaaten. Solange das Proletariat im Osten die Sonne aufgehen sah, gab es im Westen halt Zuckerbrot. Die Tröge waren ja auch voll. Nun sollen sie leer sein und der Hahn, aus dem es gestern noch fröhlich in den Trog sprudelte, wird abgedreht.
Aber die Neunziger waren ja auch eine spannende Zeit. Wer konnte denn angesichts neuer politischer Konstellationen und völlig neuer Technologien, die dem Kapitalismus den letzten Innovationsschub gaben, kühlen Kopf bewahren? Das Volk ließ sein Geld auf die Aktienmärkte strömen und die Schalen mit Süßigkeiten, die in Internetagenturen rum standen wie Obstbäume im Paradies, waren satt gefüllt. Kleine Massage gefällig bevor es ins Meeting geht? Ja, jeder konnte Millionär werden, man brauchte nur eine Idee. Heute muss man da schon das Casting bei Günter Jauch mitmachen. Der letzte verbliebene Wert nach dreihundert Jahren Fortschritt und Aufklärung ist der Geldwert. Und wenn es nur einen Wert noch gibt, ist der natürlich sehr zentral. Geld, das ist die neue Religion. Blöd nur, das man uns noch Werte gepredigt hat, an die man besser nicht erinnert werden möchte. Es ist doch gerade so gemütlich! Und wer hat uns gepredigt? Und wer will heute nicht erinnert werden? Das waren nicht die so genannten Konservativen. Nein, das waren die Gutmenschen. Prosecco gefällig? Hier sind eure Kinder und kotzen aufs Büffet.
Ja, ich bin sauer. Sauer auf die Generation, die jetzt die Macht hat. Die ganzen Achtundsechziger, die uns erzogen haben. Im Tessin lässt sich der neue Kapitalismus zwischen Carpaccio und Espresso zwar ganz gut ertragen. Aber was ist denn mit jenen armen Teufeln, die der Stern neulich als „Generation arbeitslos“ betitelte? All den Idioten, die wirklich an Gerechtigkeit in diesem System glaubten und deren Träume nun zerplatzen wie die Spekulationsblasen des Neuen Marktes? In meinem Bekanntenkreis waren wohl alle, egal ob mit Gesellenbrief, ohne einer Ausbildung oder gar mit Diplom schon mal arbeitslos. Glücklicherweise sind aber alle Leute in meinem Bekanntenkreis einigermaßen coole Typen, so dass sie sich nicht davon haben runter ziehen lassen. Aber neulich hat mir einer, den es noch nicht getroffen hat und der für eine bekanntere Tittenzeitung aus dem Axel-Springer Haus als Redakteur tätig ist, von Freunden erzählt, die mit 30 Jahren Alter zu ihren Eltern zurück ziehen, bis sich die Lage gebessert hat. O.K., die sind sich auch zu stolz, an einer Bar zu arbeiten, aber das ist doch schockierend. Da ruft ein erwachsener Mann oder eine voll ausgebildete Frau bei den Eltern an und sagt: „Du, Mama, kann ich wieder zu Hause wohnen? Die Welt da draußen ist zu hart!“ Und man stelle sich mal vor, die Arbeitslosigkeit wird sich nicht abbauen lassen – was ja jedem rational denkenden, einigermaßen informiertem Bürger klar sein dürfte. Dann bleiben die bei ihren Eltern. Und gründen nicht mal Familien. Sondern entwickeln fürchterliche Spleens. Und schießen auf unschuldige Opfer. Weil sie sauer sind. Um ihre versprochenen Chancen beraubt. Und weil nach eventuellem Aufschwung wieder nur die Jungen eingestellt werden, zu denen die Retro-Nesthocker aber dann nicht mehr gehören werden.
Und an genau diese Leute geht unter anderem mein Apell: Steht auf, verdammt noch mal, anstatt an Mamas Rockzipfel zurück zu fliehen. Das ist die Stolzfrage! „Wenn wir hier keine Chance bekommen, verdammt, dann sollt ihr sie auch nicht haben, verdammt! Wir haben verstanden!“ So muss man mit dem System reden. Steht auf und schließt euch zusammen. Das Leben ist schön und das war es immer. Und wenn es nicht schön ist, dann muss man die Welt halt ändern. All ihr arbeitslosen Programmierer, Schreiber, Mediengestalter, Agenturtypen und was weiß ich. Nutzt eure brachliegende Fantasie und tut was! Bloß weil das eigene kreative Potential nicht mehr kapital ausbeutbar ist, heißt dass doch nicht, das es vorm Fernseher dümpeln muss. Das ist Sklavenmentalität! Steht auf! Geht raus und macht euch die Welt untertan!
Und zum Schluss: Die ganze Krise hat ja auch ihr Potential, das zu nutzen wär. War Geld nicht zum Beispiel immer der größte Hemmschuh der Entwicklung? Die Finanzierbarkeit eines Projektes seine Berechtigung, wie auch sein Todesurteil? Besitzt Henkel nicht seit zwanzig Jahren das Patent für die wasser- und waschmittelfreie Waschmaschine, die Umwelt wie Geldbeutel schonen würde? Und Pirelli oder sonst eine Autofirma das Patent für den abnutzungsfreien Reifen? All ihr Erfinder und kreativen, ehemaligen Werktätigen: Jetzt schlägt eure Stunde! Versauert nicht. Wir haben eine Generation extrem gut ausgebildeter junger Menschen, die nicht zum Zuge kommt, weil der Arbeitsmarkt gesättigt ist. Prima! Hand aufs Herz: Wer will denn wirklich arbeiten, wär es nicht für’s Geld oder die inbegriffene Beschäftigungstherapie?
Organisiert euch eure eigene Arbeit, tut was Nützliches und lebt eure Kreativität! Es gibt keine günstigere Zeit. Zeigt dem System, dass euch verarscht hat, was eine Hake ist! Wir sind Menschen, weil wir etwas erschaffen können. Sklaven resignieren. Steht auf und schafft was! Einfach so. Einfach um der Sache willen. Jetzt und jeden Tag.
Ganz einfach: Lebt die REVOLUTION !

14.11. J’accuse! - freie Presse aka
Frankreich brennt 
Theorie: Frankreich brennt und Deutschland zittert. Den Grünen Multikultis
wird es klamm beim Chianti und die CDU dreht wieder ihre Gebetsmühle namens
Leitkultur. Was kann uns nun schlimmeres passieren, als dass die Kanaken auch
hier einen Riot starten. In der Hysterie wird dann auch gerne mal durcheinander
geworfen, dass die Bewohner der Banlieus, Blacks wie Beurres französische
Staatsbürger sind, in Deutschland aber offensichtlich noch der Ariernachweis
zählt. Welchen Grund hätte der Spiegel sonst diese Woche gehabt,
von „Ausländern mit deutschem Pass“ zu schwadronieren. Dieses
Oxymoron illustriert die Verlogenheit der hiesigen Debatte. Deutscher Pass?
Ja, aber deswegen gleich Deutscher sein, das ist ja wohl ein bisschen vorschnell
und auch viel verlangt! Fordert man zwar rechts der Mitte offiziell lediglich
einen Sprachtest, weiß man auch links dieser, zum Beispiel an Hamburgs
Brandtwiete, dass einzig das Blut die Deutscheit beweisen kann. Die brennenden
Vorstädte Frankreichs bringen aber nicht nur Licht in die Nacht Pariser
Randbezirke, sondern erhellen ebenso, wie sehr die vorgeblich freie Presse
der westlichen Welt, bei nationalen Konflikten und Interessen, die Hegemonialinteressen
der Oberschicht über die uneingeschränkte Wahrheitssuche stellt.
Während die deutsche Presse offen über die Versäumnisse französischer
Innenpolitik berichtet, muss man in Frankreichs Medien schon sehr genau nach
solchen Inhalten suchen. Genauso verhielt es sich ja auch mit den USA-Medien
und ihrer Berichterstattung über Iraks Weapons of Massdestruction. Natürlich
wussten damals in Deutschland und Frankreich auch die durchschnittlich Informierten,
dass Powell vor der UN log, um den Krieg zu rechtfertigen, doch selbst als
er das dieses Jahr einräumte und als größten Fehler seiner
Amtszeit bezeichnete, war diese profunde Offenheit den US-Medien doch nicht
mehr als eine Kurzmeldung wert. Und Deutschland? Hier berichteten die Medien
Anfang der 90er von „KZs in Serbien“, in denen der „Serben-Diktator
Milossewicz“ die Kroaten massenweise ermorden ließ. Politiker wie
der damalige SPD-Vorsitzende Scharping und der Obergrüne Fischer jetteten
von Podium zu Talkshow, um mit der Existenz dieser KZs die Notwendigkeit eines
militärischen Eingreifens seitens der NATO und Deutschlands zu rechtfertigen.
Eine Intervention, für deren Durchführung erstmal das Grundgesetz
geändert werden musste, immerhin lautete die alte Losung der BRD, es dürfe „nie
wieder ein Krieg von deutschem Boden ausgehen“. Dass der „Serben-Diktator“ defakto
gewählter Präsident der Jugoslawischen Republik war – die ja
derzeit noch bestand! -, wurde nicht erwähnt. Die Existenz von KZs war
damals nur in den deutschen Medien Thema. Kein Wort davon in der Presse der
NATO-Partner Frankreich und Großbritannien, die ihre Völker nicht
mit der Moralkeule niederknüppeln mussten, nur um deren Zustimmung für
einen Krieg zu erhalten. Und der Rücktritt des damals in Deutschland überaus
beliebten Außenministers Hans-Dietrich Genscher, FDP? Blieb unkommentiert.
Unerwähnt von der freien deutschen Presse der Umstand, dass Genscher nach
der vorschnellen, mit den Partnerstaaten nicht abgestimmten Anerkennung Kroatiens
durch die BRD international nicht mehr tragbar war. Keiner seiner Kollegen
wollte mehr mit ihm zusammenarbeiten, dem hinterfotzigen. Genscher beurteilte
sein damaliges Handeln übrigens ebenfalls – ganz wie Powell seine
Lüge – als „größten Fehler seiner Karriere“.
Aber das ist der freien deutschen Presse natürlich auch nicht wirklich
der Erwähnung wert gewesen. So, und jetzt wundert man sich in Frankreich über
die randalierenden Vorstädte, ganz so als würde es diese Zustände
nicht seit bald 30 Jahren geben. Ganz als hätte Kassowitz die Story von „L’Haine“ in
schwedischen Vorstädten angesiedelt. Und ganz so, als hätte der französische
HipHop, in eben diesen Vorstädten – den französischen, nicht
den schwedischen, natürlich – in den letzten fünfzehn Jahren
Liebeslieder und Chansons geschmachtet! Es bedarf schon ungeheurer Ignoranz
um all diese Stimmen und Zeichen zu überhören. Beziehungsweise, manchmal
bedarf es auch der Gerichte. Hatte nicht die Republik, die sich „Freiheit,
Gleichheit und Brüderlichkeit“ als kollektive Werte auf die Fahnen
geschrieben hat an der Pariser Gruppe NTM den ersten Akt von Zensur seit der
Revolution – also seit über 200 Jahren – begangen, nachdem
diese die Ghettojugend dazu aufgefordert hatte nicht sich selbst zu bekämpfen,
sondern die Polizei? Doch hatte sie. Man hätte das alles natürlich
viel früher wissen können, hätte man nur hingehört, anstatt
die hegemonialen Ohren zu verschließen. Praxis: Ich zum Beispiel, hab
ihn früher gehört, den Schrei der französischen Vorstadt. Im
Sommer 1989 nämlich, als ich mit meinem Freund Hendrik durch Frankreich
trampte - nach Spanien und zurück. Viel Geld hatten wir nicht dabei, 17jährig
wie wir waren, aber das war uns egal. Immerhin hatte ich einen goldenen Daumen
und der brachte uns überall hin. Nach Rouen zum Beispiel, wo wir beim
Abhängen in der Innenstadt zwei nette Schwarzafrikaner kennen lernten,
die uns anboten, wir könnten bei ihnen übernachten. Das nahmen wir
gerne an. In Toulouse hatten wir schon unter einer Brücke geschlafen.
Da hatte es nach Pisse gestunken und ehrlich gesagt, reichte es uns trotz aller
Abenteuerlust vollkommen aus, diese Erfahrung nur einmal gemacht zu haben.
Eine Privatunterkunft bei unseren Rouener Haschdealern – und sei es auch
nur im Schlafsack auf dem Küchenboden – war weitaus verlockender,
als die Aussicht erneut im Freien der Stadt die Nacht verbringen zu müssen.
Wir gingen also mit ihnen, die Rucksäcke auf dem Rücken. Ein Nordafrikaner
hatte sich angeschlossen. Wir liefen und redeten und liefen und liefen und
die Rede wurde spärlicher je schwerer die Rucksäcke drückten. „C’est
loin?“, fragten wir in immer kürzeren Abständen. „Nonnon,“ wir
wären gleich da, die monotone Antwort. Eigentlich hätte man schon
hier misstrauisch werden können, wurden wir aber nicht. Misstrauen war
uns zu uncool. Nach einer knappen Stunde oder so erreichten wir ihre Unterkunft
am Stadtrand. Es war längst dunkel, wir gingen über einen Hinterhof.
Die Jungs wohnten in einer Art Baracke oder einer Art besserem Schuppen oder
so. Die Eingangstür brachte uns direkt in die kleine Küche von der
eine weitere Tür vier Stufen hinab in das gemeinsame Schlafzimmer der
Jungs führte. Wir rauchten gemeinsam einen Haschjoint in der Küche – französisch,
Tabakfilter – dann gingen der Nordafrikaner und der eine Schwarzafrikaner
nach hinten ins Zimmer. Hendrik legte sich in seinen Schlafsack auf den Küchenboden.
So waren der andere Black und ich uns allein überlassen und wir quatschten
noch ein bisschen, glaub ich. Während wir da saßen wurden die Geräusche
aus dem Hinterzimmer immer lauter und es brauchte nicht all zu lang bis mir
klar war, welche Aktivität die Geräusche hervorrief. Der Typ in der
Küche fragte mich, ob wir auch nach hinten gehen wollten, aber ich dankte
verschmitzt lächelnd und sagte ihm, ich sei auch müde von dem Tag
und würde mich gleich zu Hendrik auf den Boden legen, um ein bisschen
zu schlafen, wie ich extra hervorhob, um keine Missverständnisse aufkommen
zu lassen. Hendrik zog die Schlaufe seines Schlafsacks etwas fester zu und
tat weiter so, als ob er schlafen würde. Aus dem Hinterzimmer drangen
Schreie und Pressstöhnen von solcher Intensität, wie ich es noch
nie gehört hatte. „Mmmmmooooooaahhh!!!!! Mmm-Mm-mmooooooaahhh!!!!!
O-O-Oaaaaahhh!!!!!“ Ohne jemals auf einem Bauernhof gewesen zu sein,
hätte ich vermutet den Brunftschrei von lusttollen Rindern zu hören,
hätte ich nicht bestimmt gewusst, dass im Hinterzimmer der Baracke der
Nord- und der Schwarzafrikaner zu Gange waren und nicht Milchkühe lothringer
Milchbauern. Ich hatte noch nie Schwule beim Sex gehört. Nun, es klang
beängstigend. Ich rutschte auf dem Stuhl ein wenig hin und her. Ich sagte
dem Typ, der bei mir in der Küche geblieben war, ich würde mich jetzt
auch hinlegen. Harter Tag und so, rollte meinen Schlafsack aus, zischte „Hendrik,
du Arsch!“, weil ich fand, dass er sich zu früh und viel zu unsolidarisch
aus dem Geschehen zurück gezogen hatte und tat dann auch so, als ob ich
schlafen würde. Der Typ ging dann auch nach Hinten. Zu dritt brüllten
sie noch eine ganze Weile gemeinsam in die französische Nacht. Hendrik
und ich pennten ein paar Stunden und verschwanden dann im Morgennebel. Ich
glaube, wir haben noch eine kleine Notiz: „Merci“ oder so auf dem
Küchentisch hinterlassen. Dann schnappten wir die Rucksäcke und waren
weg. Fazit: Zugegeben, der Aufschrei 2005 klingt anders, als der von 1989 und
er hat auch andere Konsequenzen. Ort und Akteure aber sind sich gleich. Und
das ist auch etwas, dass ihr niemals in der „freien Presse“ lesen
werdet. Get up, stand up! Start the Riot!

Finnladreise 
Erstens: Reisen
Nach Finnland wolln nur Männer
in ihren mittlren Jahrn
obwohl, halt warte mal,
da kommen noch zwei Frauen
angefahrn
Mit Hemd und Kragen, ohne Schlips
sitzen die Männer da
die Frauen
Hosenanzug tragend
mittellanges Haar
Von Berlin über Brüssel
Helsinki
ist weit und immer gibt’s Verspätungen
wer wäre sie nicht leid?
In ihren fremden Zungen sprechend
lachen die Finnen keck
ich weiß nicht,
was sie wirklich sagen
es intressiert nen Dreck
Jetzt kommt der Gong, sie springen
auf
ab jetzt wird eingecheckt
die Menschen formen eine Schlange
lang wie Siedlertrecks
Und nicht mehr lange, nur noch kurz
ne Weile, sind sie weg
und ich mit ihnen,
meinerselbst
und meinem Handgepäck.
Zweitens: In Suomi
Finnland ist ein
flaches Land
kann man vom Flugzeug sehn
Mehr ist erst mal nicht bekannt
außer
den Elchen, Birken, Seen
Ein paar Hügel sprenkeln sich
an den Rändern
Helsinkis
peripherisch in das Kornfeld
zwischen Einkaufsmärkten und Mc
Donalds
Vieles wurd hier neu gebaut
Ach mein Gott, was das wohl kost’?
Dabei ist man ganz im Norden
und kennt keinen Aufbau Ost
Rote Häuser und
auch Scheunen
stehen zwischen vielen Bäumen
ein Wald ist das, was ich
sagen wollt
aus Birken und aus Nadelholz
Mit dem Bus durch’s Land geeilt
hab ich dann doch eins gepeilt:
ab und zu wird’s hügelich
ganz so
flach ist Finnland nicht
Kleine Wege mit Briefkästen
wo sie von der Straße
zweigen
führen sandig ins Gebüsche
Ferienhäuser Sommerfrische
Auf Landstraßen grüßen wacker
zwischen Wald und Wiesen, Acker
Buschauffeure Fernfahrtrucker
neue Autos, noch kein Lack ab
Omas fahren Rad
mit Helm
Mädchen sind hier alle blond
ob das wohl zusammenhängt
hab
ich noch nicht rausgekriegt.
Drittens: Turku
Die meisten Häuser sind aus
Holz
hier wohnen die Finnlandprolls
In die wenigen aus Stein
da zogen die Schweden
ein
Wenn man einen Finnen grüßt
sagt man „Moi“ für „Tach“ und „Tschüß“
Sag
es nett und nicht so lieblos
willst du Danke sagen: „Kitos“
Turkus
Hafen hat zwei Fähren
die mit Schwedens Land verkehren
eben daher kamen
die
Herrscher von der Monarchie
welche Finnland lang regierten
bis die Russen
einmarschierten
Bis dahin war Turku Hauptstadt
man sieht’s an der Burg,
die heut noch aufhat
für Touristen und dergleichen
viele seh ich nicht
rumschleichen
Erstsemester von der Uni
Polonäse, wirklich funny
stockbesoffen
auf dem Marktplatz
Hasenohren auf dem Haarkranz
Und die Frau in ihrem Kittel
sie verkauft die Lebensmittel
Rentierwurst und Steaks von Bären
wovon
Finnen sich ernähren
Ihre Küche wär nur Kack
sagt zumindest
Jaques Chirac
In den Bars da tanzen Jungs
um die wenjen Mädchen rum
ziehn
Grimmassen, feixen rum
so kriegen sie die nicht rum
Mädchen heißt
Tütö
Tüte heißt Pussi
das ist ein Zufall
Pusu heißt
Bussi
Sind die Finnen dann betrunken
torkeln sie mit Kopf nach unten
einsam
durch die dunklen Straßen
wenige, die einen gasen
Karusmäki trifft
den Ton
der Finne liebt Isolation
er allein ist sich die Welt
mürrisch
spricht er mit sich selbst
Grüß ihn und er kriegt nen Schreck
frag
ihn was und er läuft weg.
Viertens: Im Wald am See
Turkus Hafen ist sein
Tor
viele Inseln sind davor
liegen da so in der Bucht
wo der Städter Pilze
sucht
Moose, Fahne, Pfifferlinge,
Morcheln, Finnen mit der Klinge
Schneiden
sie und machen draus
Saucen oder auch Auflauf
Felsen, Seen aus der Eiszeit
Ruderboote, wenn ihr leis seid
hört ihr Geister, die hier leben
doch dies
Glück, es trifft nicht jeden
Verschlossen doch nicht unsensibel
sind die
Finnen, Gummistiefel
macht für sie die Firma Nokia
aus Finnland kennt
man keinen Rockstar
außer Nightwish oder Him
aber die sind einfach schlimm.
Nur die Jazzer sind berühmt
ganz wie Finnland selbst im Sommer grün
winters kann man es nicht sagen
da gibt’s nur Nacht und wenig Tage.
Fünftens:
Finish
Wenn mich jetzt hier jemand fragt:
„Finnland, Mann, wie isses
da?“
Kann ich nur sagen: „Ganz wie hier
die Finnen trinken Schnaps
und Bier.
Außerdem gehen sie auch mal
gerne nackig in die Sauna
schlagen
sich mit Birkenzweigen,
weiß nicht was ihre Börsen treiben.
Eines
nur, das ist gewiss
Auch wenn man noch nicht finnisch spricht:
Eine Reise dahin
lohnt sich
Finnland heißt auf finnisch Suomi.“

Immer diese Rechnungen:
Wenn einer siebzig Jahre alt ist, hat
er zehn Jahre Montage erlebt. Ich les den Satz und bin erstmal verblüfft.
Wow, zehn Jahre Montag! Mein lieber Scholli. Und dann frag ich mich: Wer hat
das bloß ausgerechnet? Dann wird mir aber klar, dass die Woche ja sieben
Tage hat durch die man einfach die siebzig Lenze teilen muss. Frappierend aber
trotzdem: Zehn Jahre Montag.
Das muss frustrierend für Bob Geldorf sein, denk ich mir, lehnte er sich
doch in seinem Lied „Tell Me Why I Don’t Like Mondays“ mit
der Frage aus dem Fenster, warum er keine Montage möge. Ja, wenn man da
so entschieden ist, in der Sache, dann hat man endlich als Siebzigjähriger
allein schon aufgrund seiner Haltung zehn beschissene Jahre erlebt. Und da
sind noch nicht mal die Zeiten mit eingerechnet in denen man krank war, an
gebrochenen Herzen oder etwa Kater litt. Da sind noch nicht die schwierigen
Jahre der Pubertät, in denen die Unsicherheit quälte, noch nicht
die Wirren der Adoleszenz, in denen die Ungewissheit drückte, da sind
noch nicht mal die Wechseljahre in denen einen die Gewissheit trifft falsche
Entscheidungen getroffen, die Lebenswegweichen in der Adoleszenz falsch gestellt
zu haben mit eingerechnet. Da ist nicht die Ungerechtikeit mit eingerechnet,
die einen wütend machte, die Schmähungen denen man trotzte. Summiert
man all das zusammen ... ja, da müsste man erst mal nachrechnen wie oft
man eigentlich krank war und wie lange das so dauerte.
Sagen wir mal Bob Geldorf, Engländer der er ist, wird einmal im Jahr von
einer Grippe oder einer bösartigen Erkältung heimgesucht, welche
ihn für jeweils drei Tage niederstreckt und das seitdem er erwachsen ist.
Denn die Kindheit mit ihren typischen Kinderkrankheiten müssen wir gesondert
behandeln. Röteln, Masern, Mumps samt Mumpitz, also jungsüblichen,
testosteronbedingten Verletzungen machen zusammen, sagen wir mal sechs Wochen
Krankheit bis zum sechzehnten Lebensjahr. Vom sechzehnten bis zum siebzigsten
Jahr sind also vierundfünfzig mal die drei Tage Krankheit, das sind einhundertundzweiundsechzig
Tage, die sich auch als dreiundzwanzig-und-ein-paar-gequetschte Wochen beschreiben
lassen. Herr Geldorf hätte also alleine aufgrund seiner Montagsapathie
und der üblichen Krankheiten zehn Jahre und neunundzwanzig Wochen schlechte
Laune gehabt.
Jetzt haben wir aber noch nicht die Alterskrankheiten mit eingerechnet, deren
genaue Bemessung mir mein noch nicht soweit vorangeschrittenes Alter erschwert.
Alte haben mir aber berichtet, das es alles immer schlimmer wird mit dem Verfall
der Physis. Nehmen wir also rein hypothetisch die sechs Wochen Kinderkrankheit
und verdoppeln diese als Grundlage unserer Rechnung, so kommen wir also auf
zwölf Wochen Alterskrankheit und Siechtum, was relativ großzügig
ist, denn in diesem Fall unterstellen wir, dass Bob Geldorf keinen Krebs und
somit keine langwierige Chemotherapie kriegen wird, die ihm auch noch den Rest
der verbleibenden Wochen verderben wird. So, zwölf Wochen also noch mal
auf die zehn Jahre und neunundzwanzig Wochen obendrauf geschlagen, macht schlappe
zehn Jahre und einundvierzig Wochen Wolkenhimmel für Geldorfs Gemüt.
Apropos Wolkenhimmel: Wir sind jetzt erst mal von einer Otto Normalverbraucher-Ausgabe
Bob Geldorfs ausgegangen, haben also gewisse Besonderheiten des Individuums
Geldorf, die wir wohlfeil unterstellen dürfen noch nicht berücksichtigt.
Warum Wolkenhimmel? Na, Sir Geldorf ist Engländer, kommt also aus einem
Land in dem es Sitte und Gebrauch ist die durch Lichtarmut bedingten Depressionen
mit Alkohol zu behandeln. Erschwerend kommt hinzu, dass Geldorf Musiker, genauer
Rockmusiker ist, eine Berufsgruppe in der Abstinenzler die Ausnahme bilden.
Nehmen wir also an, Sir Geldorf habe von seinem sechzehnten bis zu seinem vierzigsten
Lebensjahr dreimal die Woche mit einem Kater zu kämpfen und von vierzig
bis siebzig einmal die Woche, dann sind das für die hemmungslose Periode
vierundzwanzig Jahre mal drei mal zweiundfünfzig Wochen welches dreitausendsiebenhundertvierundvierzig
Tage oder auch fünfhundertvierunddreißigkommaachtfünfsieben,
also aufgerundet fünfhundertfünfunddreißig Wochen sind plus
die Periode in welcher Einsicht, Vernunft und Angst die Gewohnheiten ändern,
also bei Herrn Geldorf die von vierzig bis siebzig in welcher er einmal die
Woche den Katzenjammer heult - das sind dann dreißig Jahre à zweiundfünfzig
Wochen macht zweihundertzweiundzwanzigkommaachtsechs Wochen, aufgerundet sind
das zweihundertunddreiundzwanzig Wochen insgesamt - addiert mit den verkaterten
Wochen aus seiner Rock’n’Roll-Lebenshälfte zusammen siebenhundertachtundfünfzig
Wochen, was knapp vierzehnkommafünf Jahre sind. Das hört sich böse
an, allerdings habe ich auch schon einen Engländer sagen hören, er
liebe seine Kater und halte diese für einen Segen. Das wollen wir aber
lieber wieder schnell vergessen, beziehungsweise annehmen, das Bob Geldorf
dies nicht denkt, denn sonst würde ja die schöne Rechnung nicht mehr
stimmen.
Zusammen mit den Jahren Montagsblues und den üblichen Krankheitsausfällen
hat Bob Geldorf also, wenn er Siebzig wird zehn Jahre und siebenhundertsiebenundachtzig
Wochen, welche sich auch als etwas mehr als fünfzehn Jahre beschreiben
lassen, also wenn er siebzig Jahre alt wird, hat der Herr Bob Geldorf fünfundzwanzig
Jahre schlechte Laune.
Damit hätten wir die Faktoren Montag, Krankheit und Kater berücksichtig,
noch nicht allerdings die folgenden: gebrochene Herzen, Pubertät, Schmähungen,
Wut ob Ungerechtigkeiten und Wechseljahre (die Adoleszenz ist für den
Rockmusiker eher rauschhaft, vernachlässigen wir diese also).
Kurz und bündig: Pubertät geht von Dreizehn bis Siebzehn, ist zur
Hälfte lustig und zur Hälfte scheiße, wären also zwei
Jahre zu vermerken.
Gebrochene Herzen ist bei Herrn Geldorf in Ferndiagnose recht schwierig zu
bestimmen, da sich in ihm zwei Stereotypen überschneiden: als Leadsänger
einer Band ist er so etwas wie ein Alphatier, dürfte also in Beziehungen
derjenige sein, der verlässt, sich leicht mit Liebschaften tröstet
und der deswegen nicht viel leidet. Da die Boomtown Rats aber eine Rockband
sind und das künstlerische Grundmotiv dieses Genres am besten mit dem
englischen dem deutschen entlehnten „Angst“ beschrieben ist, darf
man annehmen, dass ihm ein gebrochenes Herz nicht ganz unbekannt ist. Außerdem
ist er als Künstler natürlich ein eitler Mensch und leidet als solcher
unter nicht immer vermeidbaren Zurückweisungen. Wollen wir aber diesen
Faktor nicht überwerten: dreimal gebrochen, dann vernünftig geworden,
beim ersten mal drei Monate gelitten, dann anderthalb und beim letzten mal
drei Wochen, macht viereinhalb, macht fünf Monate und eine Woche.
Also in diesem Abschnitt haben wir noch einmal zwei Jahre, fünf Monate
und eine Woche plus die bereits errechneten knapp über fünfundzwanzig
Jahre, also knapp drüber sind wieviel Monate - das wird zu schwer, ich
geh zurück zum Grundwert, das waren zehn Jahre und siebenhundertsiebenundachtzig
Wochen plus zwei Jahre, fünf Monate aka zwanzig Wochen und eine Woche,
also das sind zwölf Jahre und achthundertundacht Wochen oder auch fünfzehnkommafünf
Jahre plus die zehn Länze, macht: fünfundzwanzigkommafünf Jahre
und das wär schon mal weit mehr als ein Drittel seiner siebzig Jahre,
die sich Herr Geldorf da ärgert. Hätte er nichts gegen Montage an
sich wären es nur fünfzehnkommafünf Jahre schlechte Laune gewesen,
womit man wohl hätte leben können, das wär dann nur knapp alle
fünf Tage.
Wechseljahre? Kann er als Mensch, der sich früh für die Musik entschied
und die Mutter der Benefizkonzerte, Live8, ins Leben rief mit umgehen. Viel
verpasst hat dieser Mann nicht. Es drängt sich bei Herrn Geldorf als Künstler,
der er ist aber schon die Frage auf, warum er denn nun ausgerechnet Montage
hasst, immerhin muss er nicht nach dem freien Wochenende wieder zurück
zur knechtenden Knute Arbeit, sondern er kann ja arbeiten wie und wann er will
und außerdem sollte er als Künstler seine Arbeit sowieso lieben,
sonst hätte er ja auch Seife verkaufen können oder Aktienfonds. Vielleicht
hatte er ja am Wochenende Konzerte gespielt und muss jetzt von Montag bis Freitag
warten, dass er wieder auf die Bühne darf. Man weiß es nicht. Festzuhalten
bleibt: Sir Bob Geldorf ist mehr als ein Drittel seiner Lebensspanne schlecht
gelaunt.
Nimmt man noch eine weitere neurotische Rechnung hinzu, nämlich die, das
wer acht Stunden pro Tag schläft ein Drittel seines Lebens verpennt, dann
hat Geldorf weniger als ein Drittel seines Lebens neutrale oder gar gute Laune.
Denn zum Schlafen wird er mindestens acht Stunden pro Tag brauchen, soviel
wie er säuft. Aber das muss er ja auch, saufen, bei all der schlechten
Laune die er die ganze Zeit über hat.

PISA oder mehr Unfälle für Deutschland
Letztes Jahr war die Aufregung in Deutschland
wieder einmal groß, so wie sie es immer ist, wenn die Deutschen ganz erstaunt tun,
dass irgendwas in ihrem Superland doch nicht das Beste auf der Welt ist. „Wie?
Weniger Autounfälle in Italien als in Deutschland? Aber, die halten sich
doch partout nicht an die Regeln der Straßenverkehrsordnung!“ Ja,
lieber Mitbürger, vielleicht ja gerade deswegen. „Aber, aber..“,
lauten dann immer noch die letzten beiden Argumente ihrer bröckelnden
Trutzburg namens Ignoranz.
Letztes Jahr hieß das trojanische Pferd, das die
Aufregung in Deutschland auslöste PISA-Studie. „Wie? Haben wir nicht
das beste Schulsystem der Welt?“ Am liebsten hätte ich den Verblüfften
erklärt: „Natürlich nicht. Sonst hätte ich ja gute Noten
gehabt! Oder es würde überhaupt keine Noten gegeben haben!“ Hab
ich aber nicht gesagt, weil meine Michel sonst wieder so mitleidsvoll gelächelt
hätten, wie sie es schon in der Schulzeit taten, als ich noch was mit
ihnen zu tun hatte. „Netter Spinner,“ oder so was denken sie dann
immer. „Ohne Noten! Wie soll denn das gehen? Dann gibt es doch gar kein
System der Ordnung mehr,“ und damit sind sie dann wieder genau bei der
italienischen Unfallstatistik und der deutschen StvO angekommen.
Es ist ja so: Der Deutsche hält sich im Straßenverkehr – wie
sonst auch – strikt an Regeln, was zwar im Normalfall einen flüssigen
Verlauf des Geschehens garantiert, tritt aber eine unvorhergesehene Situation
ein, weiß der konditionierte Mobilist nicht mehr weiter. Es kommt in
der Folge, wie soll es anders sein, zu einem Unfall, während der Italiener
einfach auf die Hupe schlägt, einen Fluch ausstößt, das Gaspedal
durchtritt und lächelnd die Gefahrenstelle umfährt. Er ist auf das
Unvorhergesehene gefasst, kann also flexibel reagieren. Aber Flexibilität
macht dem Deutschen ja ... Aber nein, lassen wir das. Ich wollte ja was zur
Bildung schreiben.
Dass
das deutsche Schulsystem scheiße ist, wusste ich selbstverständlich
schon immer. Aber damals, in den
80ern wollte mir natürlich keiner glauben.
Ich galt als Freak, was hierzulande nicht etwa als eventuell verschrobene
aber
nützliche
Extravaganz interpretiert wird, sondern immer gleichbedeutend mit nicht-ernst-zu-nehmen
ist. Mit so Einem ist kein Bausparvertrag zu machen. Geschweige denn ein Staat.
Das stimmte allerdings wieder. Wie auch immer: Ich wusste es schon immer!
Gerade
neulich hat mir meine Mutter wieder erzählt, wie ich an meinem ersten Schultag
nach ein paar Stunden den neuen Scoutranzen packte und mich anschickte den
Klassenraum zu verlassen. Auf die Frage der Lehrerin, wo ich denn hinwolle,
soll ich geantwortet haben: „Meine Mutter hat gesagt, ich lern hier lesen
und schreiben. Das kann ich jetzt immer noch nicht. Ich geh nach Hause!“ Man
hat mich aber trotzdem dabehalten.
Irgendwann
konnte ich dann lesen und schreiben, sogar rechnen und hatte damit die wesentliche
Bildung genossen, um anständig zu arbeiten und meine Steuererklärung
zu machen. Es wäre ja eine Illusion zu glauben, dass es in der Schule
wirklich um die Vermittlung von Wissen ginge. Das deutsche Schulsystem sollte
dem Schüler immer nur soviel beibringen, dass dieser dann gut auf dem
Arbeitsmarkt funktionieren kann. Aufklärung? Pah! Warum musste man in
Mathe zum Beispiel immer stumpf Formeln auswendig lernen, deren Anwendung dann
in Klausuren geprüft wurde? Warum hat mir nie ein Lehrer erklärt
warum und wie diese Formeln funktionieren? Wäre doch viel interessanter
gewesen und vielleicht hätte ich sie ja dann auch auswendig gelernt. Worum
ging es denen denn? Dass ich mit den Formeln rechnen kann oder dass ich sie
auswendig lerne? „Mein Sohn kann schon fünf Formeln auswendig.
Ist er nicht klug?“ Stumpf sinnlose Buchstaben in unterschiedlicher Reihenfolge
mit irgendwelchen Zeichen dazwischen zu pauken, wenn man gleichzeitig auch
Musik machen kann oder zum Skaten gehen - welchen Sinn sollte das bitte haben?
Aber
es waren ja nicht nur die Naturwissenschaften. Auch im Geschichtsunterricht
wurden wir systematisch belogen, beziehungsweise halb-informiert. Das wurde
mir ganz besonders deutlich, als ich mich, schon längst aus der Schule entlassen, mit einem
ostdeutschen Landsmann unterhielt und er was von „der Revolution“ sagte.
Ich: „Wie?
Welche Revolution? Die Oktoberrevolution in Russland oder was? Lenin?“
„Nee,
die deutsche“
Ich: „Welche
deutsche Revolution? Das Kinderspiel 1848?“
Er: „Wie?
1848?“
„Na,
Frankfurt, Paulskirche, bürgerlicher Aufstand, Barrikaden, Schüsse,
Schluss.“
„Von
der hab ich noch gehört,“ sagte er. „Nee, die deutsche November
Revolution von 1918!“
Langsam
kroch mir die Erkenntnis den Nacken hoch gen Bewusstsein: „Ah, du meinst
den Matrosenaufstand?“
Er: „Welcher
Matrosenaufstand?“
„Na,
Kiel etc. So hieß das im Westen,“ sagte ich. Zum Glück hatte
ich als Linker selber gelesen und wusste, was man uns im westdeutschen Geschichtsunterricht
geflissentlich verschwieg, nämlich, dass das die Rote Ruhr Armee 1918
das industrielle Westfalen beherrschte, dass Anarchosyndikalisten bis Mitte1919
München und die großen bayrischen Städte kontrollierten und
eben auch die deutschen Häfen unter sozialistischer Kontrolle waren und
von den Sozialdemokraten Ebert und Blutnoske niedergeschossen wurden. Von Berlin
mit Liebknecht und Luxemburg ganz zu schweigen. Stattdessen hatte man uns was
vom „Matrosenaufstand“ erzählt, was bei mir eher Assoziationen
in Richtung Village People und fröhlich beschwipstem Homo-Ringelpietz
mit Anfassen geweckt hatte. Man erkennt also, wie gelenkt selbst die westdeutsche,
vermeintlich objektive Geschichtsschreibung war. Aber Geschichte ist ja nach
Napoleon eh immer eine Vereinbarung der Sieger. Voila.
Was
die PISA Studie nun faktisch belegte, wusste ich also schon immer aus dem
Bauch. Die Schule dient nicht der Vermittlung von Wissen, wie sie es vorgibt,
sondern einzig und allein dem Abrichten und der Disziplinierung der phantasiebegabten,
kreativen Wesen, die wir Kinder nennen - damit sie so stumpf werden wie ihre
Eltern und im Straßenverkehr nicht mehr spontan auf Unvorhergesehenes
reagieren können.
Sogar
Leute, die eigentlich auch cool waren und sich für das Schöne begeistern
konnten, neugierig waren und der Menschheit etwas geben wollten, werden, entscheiden
sie sich Lehrer in Deutschland zu werden, im Laufe ihrer Ausbildung zu bösartigen, übelwollenden
Abrichtmaschinen, deren einziger Sinn und verbleibender Auftrag es wird jegliche
Lebensfreude den Kindern auszutreiben, damit sie später Smart fahren und
auf die Eigentumswohnung sparen. Als Beispiel sei hier die Geschichte meines
alten Freundes Jan angeführt, der den Lehrerberuf erlernte und den ich
eines Abends im Club wiedertraf.
Ich
muss ein bisschen Ausholen: Vor ein paar Jahren begab es sich wie jedes Jahr,
dass irgendwann, ich glaube Sommer war es, ein Weltkindertag ausgerufen wurde.
Zu diesem Anlass wollte ein im Prenzlauer Berg ansässiger Künstler, der auch Vater
ist, ein Kinderfest im Kiez ausrichten und fragte einen Rapperkollegen von
mir, ob er nicht mit uns, seiner Crew, ein bisschen musikalische Unterhaltung
beisteuern könnte. Und da wir nicht so gangster waren, wie andere Rapper
es mitunter sind, sagten wir: „Warum denn nicht?“
Der
Künstler
beschaffte eine PA und stellte sie auf eine aus nacktem Metall geschweißte
Schiffsatrappe in Echtgröße – so vielleicht drei Meter hoch.
Darauf sollten wir und die Kinder durch den Kiez fahren und ein wenig Musik
machen. Wir waren schon oben – ich mit Megafon in der Hand, das aus mir
auch die eine oder andere kindliche Seite lockte – als die Polizei dem
ausrichtenden Künstler schroff verbat, die Musikanlage zu benutzen, weil „dafür
ham se keene Jenehmijung. Nur zum Rumfahren, klar?“ Der Künstler
nun, wahrscheinlich autonom politisch sozialisiert, schaltete direkt auf Konfrontationskurs,
um den Bütteln doch noch die Erlaubnis zum Musizieren abzuringen, aber
die blieben stur (s.o. deutsches Verhalten im Normalfall). Keine Chance.
Die
Kinder standen schon unten vor der Leiter und warteten ungeduldig darauf
endlich auf das Boot herauf zu dürfen. Also dachte ich mir: „Locker die Situation
auf, Yaneq. Vielleicht erweichen ja ein paar empörte Kinderblicke das
kalte Polizistenherz.“ Ich nahm das Megafon und rief zu den vielleicht
zwanzig Kindern runter: „Kinder, ihr könnt noch nicht hoch. Die
Polizei will nicht, dass wir Musik machen!“
Pause.
Endlos
lange Pause. Die Kinder starrten mich weit aufgerissenen Augen und offenen
Mündern
an. Eine Mimik, die in mir den Verdacht aufkommen ließ, dass Fünfjährige
vielleicht noch nicht dieses feine rhetorische System begreifen, dass wir Älteren
Ironie nennen. Ich musste jetzt was sagen, soviel war klar. Die Situation musste gerettet
werden. Ich hielt mir also wieder das Megafon vor den Mund und fragte die Kids: „Aber
wisst ihr was wir jetzt trotzdem machen?“ und ohne eine Sekunde des Nachdenkens
schrieen die Gören begeistert: „Musik!“
„Genau!“,
rief ich durch die Flüstertüte. „Guckt mal: Der Junge hier
vorne hat ja schon ne Schüppe in der Hand. Sucht euch alle mal so was
oder den Ast da vorne auf dem Bürgersteig oder nen Stein Dann machen wir
Musik!“ Und mit allem Schrott in den Händen kletterten die Kinder
zu uns aufs Schiff und schlugen für die nächste Stunde unter unserer
professionellen Anleitung einen Galerenrhythmus auf die Bordwand. Der metallene
Schiffsbauch schallte lauter durch die Straßen, als es unsere Musik auf
der schrottigen PA je vermocht hätte. Währenddessen lief ich mit
dem Megafon durch die Reihen der Trommler und rief ihnen Parolen wie: „Wir
wolln Musik! Wir wolln Musik!“, zu, die der Chor frenetisch mitschmetterte. „Wir
wolln Musik! Wir wolln Musik!“ Einmal um den Kollwitzplatz und durch
die Gegend. Fuck dem Cops!
Abends
dann traf ich also meinen alten Freund Jan, den frischgebackenen Lehrer in
einem Club und erzählte ihm mit Leuchten in den Augen die Geschichte. Ich schloss
mit: „Geil, wa! Hab ich auch mal mit Kindern gearbeitet!“
Und
alles was Jan zu erwidern hatte, war: „Oh Gott! Lass die Kinder in Ruhe! Das müssen
wir hinterher alles wieder aus denen rausholen!“ Soviel dazu.
Wer
sich also über
PISA oder so was wundert ist entweder dumm oder heuchelt. Denn das primäre
Ziel der Schule ist nicht die Bildung sondern schlicht die Disziplinierung.
Auf dass es noch viele schöne Autounfälle in Deutschland gibt.
Gebt Gas!

yaneq in yaoundé, kamerun
workshop und konzert auf einladung des goethe-instituts. Ein zusammenkopierter e-mail reisebericht
jau, bin in kamerun, ist hammer hier. ich mach nen konzert und nen workshop für s lokale göthe institut, bin in nem kunstzentrum untergebracht, hänge nachts in jazzbars rum und jamm mit den musikern
und diskutiert bis früh über politik. könnte echt nicht besser sein.
und das coolste: ich flieg von berlin über zürich und wen treff beim check in? schorsch kamerun von den goldenen zitronen!! es gibt keine zufälle. der mensch macht, gott fügt zusammen.
nachdem mich zwei praktikantinnen, steffi und katja, in douala vom flughafen abgeholt haben, sind wir direkt zum hotel. da hab ich noch was gegessen und bin kurz in den pool gesprungen. herrlich. gestern dann ganz früh zum busbahnhof und da eingequetscht 3einhalb stunden nach yaoundé gefahren. voll schöne landschaft: sattes grün, wälder auf hügeln und ein bus, der alle lastwagen überholt. man nennt die straße die "todesstrecke".
hier dann kurz was gegessen, fleisch mit erdnusssoße und fritierte plantanen ( kleine bananen ) und dann auch schon das casting für den workshop gemacht. die wollten mich natürlich auch rappen hören und haben mir sehr nicen applaus gegeben. dann hatte ich erst mal gute laune, nach dem erstkontakt. gleich geh ich mit denen an die arbeit. 11 rapper und am mittwoch noch mal 5 poeten, mit denen ich dann am freitag ne show mache.
hier hängen richtig banner in den straßen, die die deutsch-französische kulturwoche ankündigen. Auf den bannern und auf das programmheft haben sie vorne mein foto gepackt (gib an:-). ich bin in dem kulturzentrum "africrea" untergebracht. da ist auch mein workshop, das konzert, eine galerie und so. mit dem besitzer und macher des ladens, mal njam, und seiner mitarbeiterin francoise war ich dann gestern abend noch in einem jazzclub. da haben die live gespielt und irgendwann fragten sie ob ich auch was rappen will. hab ich natürlich gemacht und die haben sich voll gefreut und nach jeder strophe applaudiert, obwohl sie ja nichts verstanden haben. mit mal njam hab ich dann bis 2 uhr morgens noch bei ihm gesessen, fisch gegessen ( auf ner mülltonne in der straße gegrillt und superlecker!! ) und über politik diskutiert.
was ich jetzt schon gerafft hab: wenn man in europa zeitung liest oder nachrichten guckt, hat man immer ein elendsbild von afrika, mit hunger, elend, leid, dass ich hier so nicht vorfinde. hier in der hauptstadt yaoundé sind die leute alle gut angezogen, man sieht, dass ihnen kleidung und mode wichtig sind, und ich höre nicht so viel musik in den straßen, wie ich es mir klischeemäßig erwartet hatte.
so, jetzt geh ich mit den praktikantinnen essen und mach dann meine workshop. bin positiv aufgeregt. am wochenende, wie gesagt ans meer und mehr fisch und krabben essen.
übers wochenende war ich in kribi. das liegt am atlantik und es war total relaxend. das meer, schwimmen, krabben und fisch essen ( hab sogar haifische auf dem marktplatz gesehen ) und ich hab mein bill hicks buch durchgelesen. leider hab ich mir hier ne böse erkältung zugezogen, weil ich nachts immer geschwitzt hab und dann beim offenen fenster abgekühlt bin. aber das salzwasser und die meerluft haben ganz gut getan. gestern hab ich 12 stunden geschlafen und jetzt geht es schon wieder.
ein weiterer künstler ist anbgekommen, atak, ein comiczeichner aus berlin, sehr nett. der hat voll den kulturschock, mit 38 jahren zum ersten mal in einem dritte welt land und als weißer in der minderheit. der kann schlecht damit umgehen, dass die leute gucken. ich hab gesagt: das ist doch wie für schwarze in brandenburg, bloß mit dem unterschied, dass uns die bevölkerung hier nicht totschlägt. gestern ist son steppke, anderthalb jahre oder so, auf mich zugelaufen und wollte mich gar nicht loslassen, weil er es so toll fand, nen weißen zu sehen. denk ich zumindest.
kamerun ist quite ne erfahrung, um das mal auf neudeutsch auszudrücken. yaoundé liegt in den bergen, das klima ist also ganz ok. direkt vom ersten tag an ging es los: casting und dann täglich workshop mit den rappern. zur hälfte wurde da schon vorher gekungelt und 5 der 10 plätze mit etablierten künstlern belegt. Die jungs von akcent graph, krotal und dj bilik joe. die sind aber auch wirklich gut!! ich
würd sagen definitiv auf einem level mit den franzosen. die anderen
jüngeren sind auch sehr gut und jeden tag kommen welche, die auch
noch mit machen wollen, die ich dann abweisen muss, weil es ja begrenzt ist.
ich leb hier quasi im diplomaten-viertel. gestern hat mich einer der teilnehmer aber mit auf ne tour durchs ghetto genommen. da sieht es schon anders aus. Wellblechhütten, holzhütten oder lehmhütten, schmale wege mit nichts als matsch und ausgewaschene rinnen, bis zum anderthalb metern tief, durch die das regenwassser abläuft. Aber die leute haben fließend wasser und strom und alle kinder scheinen schulbildung zu genießen. morgen ist die große show und wir haben flyer im ghetto verteilt.
wir haben zwei posseetracks geschrieben. jeder rapper hat 4 lines, 4 rapper pro strophe und die hooks auf deutsch/französisch. das hookline schreiben war ürbigens sehr witzig. intro: lève les mains, alle hände hoch (3x) / du liebst den sound si tu kiff le show. outro: von links nach rechts de gauche a droit / vous faites du brut jetzt macht mal krach / say ouh yeiah/ von oben unten de haut en bas / vous faites du brut jetzt macht mal krach / say yeiah... meine strophen hab ich auf französisch geschrieben, damit die jungs was verstehen können: intro: j'aime mes vètments mais les votres son trè chicque / mois je suis de europe, vous ètes de afrique / nous apportons les baggys nous n'apport pas les flipflops / sur tout le monde c'est une culture nous appelons le hiphop. outro: c'etait le première fois pour mois en afrique / peut ètre je va revenir pur la bon musique / yaneq, grand couer, esprit, pas peur / berlin, yaoundé, good times, bon heur. die haben gut gelacht: très facile mais vraiment bon!
ach: und dann hab ich vorgestern "is richtisch, kid" vom widersprüche-album gespielt und die sind durchgedreht!! ich hab mich fast verarscht
gefühlt so sind die rumgesprungen und jeder wollte auch mal auf den
beat: ou yaneq c'est trop électrique!! :-) und ich dachte, das funktioniert nur in berliner clubs!
gestern hatten wir ne total chaotische generalprobe. heute ist der große tag. gleich werd ich noch mal ins radio gekarrt, dann soundcheck, dann status yo!, dann konzert, dann saufen. hab ich gestern leider schon gemacht (saufen) und bin son bißchen flau im magen. egal. das adrenalin wird den rest klären.
wieder zurück beim africrea für die show. große diskussion zwischen den etablierten rappern und den leuten vom goethe-institut. das problem: die gage ist zu klein. ich steh zwischen den fronten, kann die rapper verstehen, die sagen, so was versaut uns hier die preise und glaube auch den goethe-leuten, die sagen, es gibt kein budget mehr und uns werden die gelder gekürzt. der haken ist, dass sich das goethe nicht richtig überlegt hatte, was sie wollten: einen workshop für den nachwuchs oder ein konzert mit profis. 4, 5 stunden diskussion. am ende treten alle auf und sagen, sie würden es nur meinetwegen machen. damit ich nicht nach hause fahre, ohne mit ihnen gerockt zu haben. und wir haben gerockt, verdammt! Ich häng hier das video rein, sobald ich es hab. der einzige wehrmutstropfen: die poeten von der lokalen gruppe ronde des poetes musste ich ans ende der show schieben, sonst hätte es überhaupt kein programm gegeben. am ende wollten die aber nicht und waren, verständlicherweise beleidigt. meine entschuldigung haben sie aber angenommen.
die goethe-leute waren glücklich und zufrieden, icke auch. vielen dank ans goethe für die betreuung und alles!! und ich hab sehr viele interviews und cds mitgebracht. werde also noch mehr berichten können. wenn ich es aufgearbeitet hab. bis dahin, guckt euch das video an. yaneq bei den nachrichten des kameruner senders canal 2, kurzinterview auf französisch. mais, oui! j'espère tu kiff les images.
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